Wer er war
Vita
Reiner Michelfelder (1906–1985) — Visionär zwischen Kunst, Fotografie und Experiment.
Reiner MichelfelderVita · 1906–1985
Ein Leben im Licht
Manche Künstler halten ihrer Zeit einen Spiegel vor. Andere sind ihrer Zeit weit voraus. Reiner Michelfelder gehörte zweifellos zur zweiten Kategorie.
Geboren am 17. August 1906 in Villingen im Schwarzwald, entwickelte er schon früh eine außergewöhnliche Verbindung von technischem Verständnis und künstlerischer Kreativität. Nach seiner Schulzeit an der Wilhelmsoberrealschule Stuttgart, dem Abitur in Offenburg und seinem Studium an der Technischen Hochschule Stuttgart führte ihn sein Weg in die Welt der Gestaltung und bildenden Kunst.
1954 ließ sich Michelfelder als freischaffender Künstler in Kornwestheim nieder, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1985 lebte und arbeitete. Dort entstand über Jahrzehnte ein Werk, das sich konsequent jeder Schublade entzog. Er war Fotograf, Zeichner, Maler, Werbegrafiker, Ausstellungsgestalter und Interior-Designer zugleich. Seine Arbeiten bewegten sich zwischen Kunst, Wissenschaft, Technik und Design. Zu seinen Schwerpunkten gehörten experimentelle Fotografik, grafische Metamorphosen aus der dritten Dimension, moderne Dessins für Textilien und Architektur sowie später großformatige Projekte der „Kunst am Bau“.
Bekannt wurde Michelfelder vor allem durch seine „Ars Dynografia“ — eine von ihm entwickelte Form experimenteller Fotokunst. Lange bevor digitale Bildbearbeitung oder künstliche Intelligenz existierten, schuf er Werke, die bis heute erstaunlich modern wirken. In seinem selbst entwickelten Atelier kombinierte er Spiegel, Prismen, Linsen, Lichtquellen und eigens entwickelte Apparaturen zu einer völlig neuen Bildsprache. Jede Arbeit begann mit einer Idee und eigenen grafischen Ausgangsformen — Zeichnungen, Linienrastern, Punktmustern. Vieles entstand im Experiment, manches aus Zufall; mit wachsender Meisterschaft steuerte Michelfelder die Formen, Drehungen und Lichtverläufe, die im optischen System entstanden, immer bewusster.
Sein Schaffensprozess war ein langer Werdegang aus vielen Stufen und verlangte außergewöhnliche Präzision. In stundenlanger Arbeit entstanden Bilder, deren Ergebnis oft erst nach Entwicklung und Fixierung sichtbar wurde; häufig diente ein Ergebnis erneut als Ausgangsmaterial für die nächste Stufe. Ein einziger Fehler konnte die Arbeit eines ganzen Tages zunichtemachen. Umso bemerkenswerter ist die Vielfalt und Qualität der Werke, die Michelfelder hinterlassen hat.
Den Auftakt zu einer langen Ausstellungsreihe bildete 1969 die Schau „impression 69" bei den Bizerba-Werken in Balingen — ein umwerfender Erfolg mit über 5.000 Besuchern an einem einzigen Wochenende, der die Grundlage für alle weiteren Präsentationen legte. Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre erregten seine Arbeiten überregional Aufmerksamkeit. Seine Werke wurden unter anderem im Carl-Zeiss-Saal Oberkochen, im Hindenburgbau Stuttgart, im Musée d’Art et d’Histoire Fribourg, in Bern, Bad Hersfeld, Ludwigsburg und Bad Mergentheim präsentiert. Fachzeitschriften würdigten seine Arbeiten mit Titelgeschichten und umfangreichen Reportagen.
Trotz dieser Erfolge blieb Reiner Michelfelder stets bescheiden. Die Vermarktung seiner Person interessierte ihn weit weniger als die Weiterentwicklung seiner Ideen. Sein Antrieb war nicht der Ruhm, sondern die Neugier — die Suche nach neuen Formen, neuen Perspektiven und neuen Möglichkeiten der Gestaltung.
Heute begegnen uns seine Werke wie Botschaften aus einer Zukunft, die er bereits Jahrzehnte zuvor vorausgeahnt hatte. Sie zeigen einen Künstler, der mit handwerklicher Meisterschaft, wissenschaftlicher Neugier und grenzenloser Vorstellungskraft Bildwelten schuf, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.
Diese Ausstellung würdigt nicht nur das Werk eines außergewöhnlichen Fotografen und Gestalters. Sie erzählt die Geschichte eines kreativen Visionärs, der aus optischen Experimenten, Technik und Fantasie eine eigene analoge Kunstform erschuf — und dessen Werk auch über vier Jahrzehnte nach seinem Tod nichts von seiner Aktualität und Strahlkraft verloren hat.